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Nächstenliebe – Leitartikel im reformiert.lokal

Die Jahreslosung 2021 heisst: «Seid barmherzig, wie auch Euer Vater barmherzig ist.» Das Lukas- Evangelium illustriert diesen Vers in der Geschichte vom barmherzigen Samaritaner. Gott, väterlich und mütterlich, zeigt sich in uns Samaritanerinnen und Samaritanern.

Die Geschichte in Kurzform: Ein Priester und ein Tempeldiener sind auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho. Sie lassen einen ausgeraubten Halbtoten im Strassengraben liegen. Diesem hilft ein Samaritaner, der des Weges kommt.

Jesus erzählt diese Geschichte auf eine provokative Frage zur Nächstenliebe hin: «Wer ist denn mein Nächster, meine Nächste?» Wo ich so frage, gehe ich von mir aus. Ich selber lege den Radius meiner Nächstenliebe fest und kreise um mich selber. In Jerusalem sind meine Nächsten, auch im Tempel, aber doch nicht im Strassengraben in der gottverlassenen Gegend zwischen Jerusalem und Jericho.

Am Schluss stellt Jesus die Gegenfrage. «Wer ist dem, der unter die Räuber fiel, der Nächste geworden?» Statt: «Wer ist mir nahe?» – nun: «Wem komme ich nahe?» Die Perspektive wechselt. Im Zentrum der Nächstenliebe stehe nicht ich. Auch nicht die von mir definierte Komfortzone der Nächstenliebe. Im Zentrum steht die andere Person, die mich braucht. Das sprengt meinen Aktionsradius auf.

Was wir nicht wissen: wo der Ausgeraubte zugehörig war. Einer, dem ich Nächster werde, ist nicht immer einer von uns. Nächstenliebe fremdet nicht. Sie ist auch Fernstenliebe.

Was wir aber wissen: ein Samaritaner hatte in Jerusalem und im Tempel keinen guten Ruf. Einer, der nicht dazugehört, wird hier einem Notleidenden der Nächste. Das ist die beissende Pointe der Geschichte. Nächstenliebe durchkreuzt unser «Nah und Fern», unser «Eigen und Fremd», unser «Freund und Feind».

«Barmherzigkeit» ist in die Kritik geraten. Sie hat etwas Gönnerhaftes und Einseitiges. Es fehlt die Augenhöhe und das Wechselseitige. Sagen wir doch: Seid solidarisch, wie Gott solidarisch ist. Kommt einander nahe, wie Gott Euch nahekommt. Ein Jahresmotto, das uns fordert.

Bald werden wir über das Projekt HoSt22 abstimmen. Ein Übungsfeld dafür, wie wir «Nah und Fern», «Eigen und Fremd» verstehen und Solidarität gestalten. Wechselseitig samaritanisch?

Cornelia Bizzarri (Kirchenpflegerin Stäfa), Andreas Dürr (Kirchenpflegepräsident Hombrechtikon) und Arnold Egli (Kirchenpflegepräsident Stäfa)

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